Vancouver Island

July 20, 2017

Bereits vor und während der Fährenfahrt nach Prince Rupert haben wir uns (einmal mehr) Gedanken über den weiteren Verlauf unserer Route gemacht. Gemäss unserer ursprünglichen Idee hätten wir ab Prince Rupert via Prince George zum Jasper und Banff Nationalpark fahren wollen. Irgendwie hatten wir beide aber plötzlich nicht mehr viel Lust auf diese äusserst touristische Strecke. Dafür kam plötzlich das Okanagan Valley – eines der grössten Weinanbaugebiete in Kanada – auf unseren Radar. Leute die uns kennen erstaunt sicher nicht, dass wir die Idee einer (temporären) Umwandlung unserer Velotour zu einer Weintour äusserst verlockend fanden. Ein intensives Kartenstudium und eine Neuberechnung der Reisetage brachte uns zum Schluss, dass die velofreundlichste und schnellste Route ins Okanagan Valley via Vancouver Island nach Whistler und Kamloops ist. Die mit der Schiffsfahrt gesparte Zeit können wir anschliessend im Okanogan Valley (degustierend) geniessen.

 

Nach wenigen Tagen stand unser neuer Plan und wir bestiegen erneut die Fähre und fuhren bei strömendem Regen und Nebel den zweiten Teil der (anscheinend recht schönen) Inside Passage in den Norden der Vancouver Island. Da wir nun in wenigen Tagen rund 1000 km auf dem Schiff zurückgelegt hatten, befanden wir uns urplötzlich in einer fast etwas neuen Welt. Dies merkten wir nicht nur daran, dass wir neu anstelle der Mitternachtssonne unsere Stirnlampen aktivieren mussten, sondern vielmehr hatte uns die Fähre wortwörtlich zurück in die Zivilisation gespült. So benötigten wir einige Tage, um uns an unser «neues» Radlerleben zu gewöhnen. In den Supermarkts waren plötzlich keine Hamsterkäufe mehr notwendig, denn die nächste Einkaufsmöglichkeit kommt hier ja bereits in 20 km und nicht erst in 250 km. Ausserdem mussten wir lernen, nicht mehr bei jedem Schild am Strassenrand mit der Aufschrift «Café», «Ice Cream» oder «Bakery» einen Stopp einzulegen und uns die Bäuche zu füllen.  Und auch auf den Strassen herrschte plötzlich wieder viel Betrieb. Die Auto überholten uns jetzt im 10-Sekunden-Takt – nebeneinanderfahre war also leider definitiv nicht mehr möglich. Zudem sind die Strassen hier oft eng und die Autos, RVs und Logging Trucks brausten zum Teil beängstigend nahe an uns vorbei.

In den ersten paar Tagen auf der Insel war die Landschaft sehr eintönig und langweilig, ausser Wald, Wald und noch mehr Wald sahen wir nicht viel Schönes. Bedrückend war auch zu sehen, wie massiv die Wälder hier gerodet werden – wenn wir mal nicht von Bäume umgeben waren, dann sahen wir Schneisen oder ganze Hügelzüge, die bis auf den letzte Baum abgeholzt worden waren.

 

 

Die längere Pause gepaart mit der wenig ansprechenden Landschaft bereitete uns Mühe, wieder in den Veloflow zu finden und wir haben uns recht bald nach einer Ausrede für die nächste Auszeit umgeschaut... Uns kam daher recht gelegen, dass wir eher durch Zufall in Port McNeill auf einen Anbieter von Kajaktouren gestossen sind. Kurzentschlossen haben wir eine Zweitagestour mit Guide im nahegelegenen Archipel gebucht. Am darauffolgenden Tag bestiegen wir als einzige Gäste das Boot, welches uns in einer guten Stunde auf eine einsame Insel im Naturschutzgebiet bringen sollte. Auf der Hinfahrt sind wir ganz unerwartet einer Schule von Orcas begegnet – anscheinend waren die Wale erst am Tag zuvor das erste Mal in diesem Sommer gesichtet worden.

Nach Ankunft auf der Insel hat uns Larry, der Tourchef, das vorinstallierte Camp und die Kajaks gezeigt. Von einem Guide war zwar (anscheinend krankheitshalber) weit und breit keine Spur, wir gingen aber davon aus, dass Larry nun diesen Part übernehmen würde. Erst als dieser uns Details zur Handhabung des Gaskochherdes und der Betätigung der zwei Funkgeräte erklärt hat, dämmerte uns, dass wir wahrscheinlich unseren Kajaktrip alleine verbringen werden. Nach ersten Paddelübungen, einer Umrundung der Insel und einer Schnellbleiche zu den Meeresströmungen und den Gezeiten befand Larry unsere Kajakkünste als ausreichend. Er versprach, uns am nächsten Tag um 17 Uhr wieder abzuholen und brauste zurück aufs Festland. Nun fühlten wir uns wirklich ein bisschen wie Robinson Crusoe auf der verlassenen Insel und hofften insgeheim, dass Larry in der Zwischenzeit keinen Herzinfarkt erleiden würde…

Wir genossen die zwei Tage auf der Insel mit Kajaken, einer leckeren Grillade und einem traumhaften Sonnenuntergang inklusive Buckelwal-Show. Unser Highlight war aber definitiv das Erwachen am zweiten Tag: Am frühen Morgen hat Philipp plötzlich im Halbschlaf das typische «Tschschschhhh» Atemgeräusch der Wale gehört. Beim Nachsehen in der Bucht haben wir eine ganze Orca-Schule entdeckt, die unmittelbarer vor der Insel am Fischen war. Wir haben das aussergewöhnliche Spektakel quasi auf Logenplätzen in einer Privatshow genossen.

Mit neuer Motivation schwangen wir uns nach diesen zwei Tagen wieder auf die Velos und pedalierten weiter Richtung Süden. Im Verlauf der Tage kamen uns immer wieder die verheerenden Waldbrände nordöstlich von Vancouver zu Ohren. Alle Leute, die unsere Routenpläne hörten, haben uns von einer Velofahrt ins Okanagan Valley abgeraten, denn in British Columbia herrschen zurzeit rund 200 Waldbrände, der Staat hat den Notstand ausgerufen, ganze Ortschaften sind evakuiert worden und viele der wichtigen Verkehrsverbindungen sind bis auf weiteres unterbrochen. Wir verfolgten nun also regelmässig die Entwicklung der Lage und merkten recht bald, dass unsere geplante Route auf dem Festland sehr riskant, bzw. unmöglich sein wird. Bei den schlimmsten Waldbränden in der Geschichte von British Columbia möchten wir definitiv nicht mit den Velos genau durch dieses Gebiet fahren… 

Während einer Mittagspause bei einer «Rest Aera» haben wir durch Zufall Barbara und James Taylor kennengelernt. Obwohl sie gerade auf dem Weg in ein verlängertes Wochenende waren, haben sie uns den Zugangscode zu ihrem Haus gegeben und uns angeboten, dort zu übernachten. Wir fanden die Situation recht aussergewöhnlich und haben uns gefragt, ob man in der Schweiz je jemanden finden würde, der auf dem Weg in den Urlaub einer fremden Person den Hausschlüssel in die Hand drücken und sagen würde: «Wir verreisen gerade, geht aber einfach zu uns nach Hause und fühlt euch dort wie zu Hause. Und falls ihr dort übernachten wollt: Das Gästezimmer ist dasjenige mit der grünen Bettwäsche – bleibt einfach solange ihr wollt.» Natürlich waren wir nun neugierig und haben diesem Haus ein paar Tage später einen Besuch abgestattet. Schlussendlich blieben wir drei Tage bei Taylors, machten uns nach ihrer Rückkehr im Garten nützlich und verbrachten gemütliche Abende mit spannenden Diskussionen zur Politik in Kanada und der Welt. Mit Freunden von Taylors kamen wir sogar erneut in den Genuss einer Kajaktour.

 (Thanks Rick for the pictures)

 

Die Tage bei Taylors haben wir aber auch genutzt, unsere Route aufgrund der Waldbände erneut anzupassen. Das vorgesehene Route über das kanadische Festland war für uns leider keine Option mehr. Auch die Great Divide Mountain Bike Route werden wir wahrscheinlich nicht mehr wie geplant fahren. Dafür haben wir uns nun für einen Abstecher auf die Olympic Peninsula und nach Seattle entschieden. Anschliessend möchten wir entlang der Sierra Cascade Richtung Mexiko fahren. Soweit steht also der neue Plan – bis zur nächsten Änderung…

Mit einem neuen Ziel vor Augen wollten wir nun die Vancouver Island möglichst schnell hinter uns lassen. Wir waren in den ganzen Tagen nie richtig warm geworden mit dieser Insel. Die Landschaft war bis auf ein paar nette Orte am Meer nicht wirklich interessant, der Verkehr war schrecklich und die Campingplätze waren überfüllt und masslos überteuert. Wir fragten uns ein bisschen, warum alle die Vancouver Island so toll finden… Für Radfahrer mit dem Motto «der Weg ist das Ziel» gibt es definitiv schönere und abwechslungsreichere Strecken. Wir sind nun froh, dass wir in Victoria angekommen sind und unser Abenteuer schon bald in den USA weitergehen wird. Trotz den negativen Punkten oben blicken wir dankbar auf die Bekanntschaften und die daraus resultierenden Gesprächen zurück welche wir dieser Insel verdanken.

 

 

              

 

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