Vom Feuer an die Küste

September 19, 2017

Nachdem wir uns kurz überlegt hatten, noch eine Nacht länger in Hood River zu bleiben, entschlossen wir uns doch für die Rückkehr nach Cascade Locks, um anschliessend nach Portland weiter zu fahren. Dies sollte sich im Nachhinein als eine gute Entscheidung herausstellen…

Nachdem wir unser Zelt in Cascade Locks aufgeschlagen hatten und uns auf einen gemütlichen Nachmittag und Abend eingestellt hatten, ging plötzlich ein Raunen über den Zeltplatz und wir konnten sehen, wie sich über dem Hügelkamm eine sich rasch ausbreitende Rauchwolke bildete. Relativ bald war klar, dass im Nachbarstal ein neues Feuer ausgebrochen war. In den verbleibenden Stunde bis zum Eindunkeln verfolgten wir gespannt die Flüge der Löschflugzeuge und den Rettungshelikopter, welcher gestrandete Wanderer evakuierte. Wir wussten zwar lange nicht genau, wo das Feuer war, fühlten uns aber recht sicher, solange wir «nur» den Rauch sehen konnten. Kurz nach 20 Uhr brach dann aber auf dem Zeltplatz etwas Hektik aus, als die ersten Flammen über dem Hügelkamm in die Höhe schossen. In den nächsten Stunden beobachteten das eindrückliche Spektakel und waren gleichzeitig fasziniert und auch ein bisschen eingeschüchtert ab der Gewalt der Flammen. Jedes Mal wenn ein neuer Baum in Flammen aufgegangen war, schossen riesige Feuertürme in den Himmel. Einige Leute begannen, ihre Zelte zusammenzupacken und wollten die Nacht auf der anderen Seite des Columbia River verbringen. Wir fühlten uns aber recht sicher auf dem Campingplatz direkt am Fluss und unweit der Brücke und entschieden uns daher, bis am nächsten Morgen auszuharren. Sicherheitshalber packten wir aber unsere Velotaschen, damit wir jederzeit rasch aufbrechen könnten. Die Nacht gestaltete sich eher unruhig und wir gingen regelmässig vor das Zelt, um die näherkommenden Flammen zu beobachten. Als wir im Morgengrauen kurz nach 5 Uhr aufstanden, brannte bereits der ganz Hügelzug und wir waren uns einig, dass wir nun wohl lieber früher als später aufbrechen sollten…

Bald erreichte uns dann die Meldung, dass das Feuer in der Nacht auf über 12 Quadratkilometer gewachsen ist und sich nur noch eine halbe Meile vor dem Dorf befinde. Der südliche Ortsteil wurde sofort evakuiert und der nördliche Teil (da wo auch wir waren), musste sich für eine Evakuierung bereithalten. Wir liessen uns nun nicht mehr zweimal bitten, schwangen uns auf die Velos und radelten los. Da wir das Feuer passieren mussten, blieben wir sicherheitshalber auf dem Freeway und mieden den Radweg durch den Wald. So nahe am Feuer war der Rauch dicht, es regnete Asche, wir konnten die Hitze des Feuers spüren und sahen ab und zu durch den Qualm unweit der Strasse die brennenden Bäume. Als wir einige Kilometer später wieder zurück auf den Radweg einbiegen wollten, trafen wir einen State Park Ranger, welcher diverse Strassensperren errichtete. Wir erkundigten uns nach den Strassenverhältnissen weiter westlich und wollten wissen, ob wir dort sicher wären. Irgendwie hatte der Herr aber wohl das Konzept vom Velotourenfahren nicht so ganz verstanden, dann seine Antwort lautete «Oh no, you better turn around and go back to your car.» Nachdem wir ihm erklärt hatten, wir hätten nur die Velos und kein Auto, folgte ein etwas verdatterter Blick und dann seine Bestätigung «Ok, in this case you better go to Portland.» Nach dieser kompetenten Auskunft radelten wir also weiter und liessen Cascade Locks und das Feuer definitiv hinter uns. Obwohl wir uns während dieser ganzen Episode eigentlich nie wirklich in Gefahr gefühlt hatten - und dies ziemlich sicher auch nie waren - war die ganze Situation doch recht gespenstisch und hat bei uns ein mulmiges Gefühl ausgelöst. Wir hatten uns in den letzten Wochen intensiv mit Feuern auseinandergesetzt, wussten über sämtliche grossen Feuer entlang unserer Route Bescheid und verfolgten ihre Veränderungen akkurat. Diese Erfahrung hat uns aber gezeigt, dass bei den aktuell sehr trockenen Verhältnissen hier (kein Regen seit April und konstant zwischen 30 und 40 Grad heiss) Feuer überall und jederzeit auftreten können und wir uns wirklich gut überlegen müssen, wo wir noch sicher mit den Velos unterwegs sein können.

Sobald wir den Rauch des Feuers hinter uns gelassen hatten, war die Fahrt über den alten Highway durch den Columbia River Gorge nach Portland recht schön. Der alte Highway entlang des Columbia River ist berühmt für seine vielen tollen Wasserfälle, welche z.T. mehr als hundert Meter über Basaltsteinklippen in die Tiefe stürzen. Wir genossen den Tag und nahmen uns Zeit für ausgiebige Fotostopps, bevor wir bei knusperigen 40 Grad und recht verschwitzt in Portland einrollten.

In Portland blieben wir schlussendlich nur einen Tag und sahen nicht wirklich viel von der Stadt. Wir nutzten die Zeit vor allem für Internetrecherchen und die Planung der weiteren Route. Eigentlich hatten wir möglichst bald wieder in die Cascades zurückkehren wollen, nach dieser Episode in Cascade Locks war uns dies aber zu riskant. Wir entschieden uns also schweren Herzens, dem Inland bis auf Weiteres den Rücken zu kehren und an die Küste zu fahren. Obwohl wir eigentlich die populäre und verkehrsreiche Küstenstrasse bis dahin immer meiden wollten, sahen wir leider im Moment keine andere Alternative mehr…

 

Die Küste empfing uns mit Regen, Nebel und einer Abkühlung um 20 Grad. Vor allem letzteres erfreute uns sehr, konnten wir doch endlich wieder einmal zu einigermassen angenehmen Temperaturen Velofahren. Der Nebel drückte aber trotzdem auf die Stimmung und wir waren sehr enttäuscht, bekamen wir in den ersten Tagen absolut nichts mit von dieser angeblich so spektakulären Küstenlandschaft zu sehen. Alleine das Plätschern der Brandung liess uns jeweils erahnen, dass die Aussicht an dieser Stelle wahrscheinlich wunderschön wäre… 

Die Misere dauerte aber glücklicherweise nicht allzu lange an. Nach dem Wetterumschwung konnten wir die Küste dann endlich in ihrer vollen Pracht geniessen.  Um die Schlechtwetterphase etwas zu kompensieren, liessen wir uns in den darauffolgenden Tagen viel Zeit zum Erkunden und Geniessen. Wir tingelten gemütlich südwärts, besuchten die vielen tollen Leuchttürme und Strände und konnten sogar wieder einmal Wale und Robben beobachten.  Und endlich hatten wir auch die Möglichkeit, sämtliche neuen, in Seattle erstandenen Kamera-Gadgets auszuprobieren...  

 

 

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