Velofahren an der Küste - eine Hassliebe

October 9, 2017

Die ersten paar Tage an der Küste nahmen wir sehr gemütlich und genossen die teilweise spektakuläre Landschaft. Sobald die Nebel- und Regentage ausgestanden waren, kamen wir auch endlich in den Genuss einiger schöner Sonnenuntergänge über dem Pazifik.

Neu war für uns anfangs vor allem, dass wir nicht mehr die einzigen Velofahrer weit und breit waren. Portland – San Francisco scheint ein wahrer Klassiker zu sein, denn die Distanz von rund 1000 km eignet sich gut für einen mehrwöchigen Velourlaub. Dank den vielen Tourenfahrern sind entsprechend auch die Campingplätze sehr gut auf Velotouristen vorbereitet. Die öffentlichen State Park Campings verfügen eigentlich immer über spezifische «hiker/biker-sites», welche nur nicht-motorisierte Reisende beziehen dürfen. Die Plätze sind manchmal schöner und manchmal weniger schön – immer aber sind sie bedeutend billiger als normale Zeltstandplätze, verfügen über bärensichere Essenscontainer und sind zum Teil sogar mit einer einfachen Veloreparaturstation ausgerüstet.  

Hier an der Küste wurden uns aber auch die riesigen sozialen Probleme von Amerika sehr deutlich vor Augen geführt. Wegen dem ganzjährig milden Klima sind fast alle grösseren Ortschaften richtige Magnete für Obdachlose und Personen ohne Perspektive. Wir sehen mehr als je zuvor zwielichtige Personen, die sich vor den Supermarkts, in den Waschsalons oder am Strand herumtummeln. Auch Zelte in Parks und heruntergekommene Autos (z.T. ganz ohne Scheiben oder nur mit Tape und Karton «geflickt»), in welchen Personen wohnen, sind kein seltener Anblick mehr. Ausserdem sind einige Obdachlose auch auf besagten «hiker/biker-sites» anzutreffen. Bei beträchtlich vielen anderen «Tourenfahrern» sind wir uns nicht ganz sicher, ob das jetzt «richtige» Velotouristen sind oder einfach Penner, welche mit ihrem Hab und Gut von Campingplatz zu Campingplatz fahren. Uns ist oftmals nicht mehr ganz wohl beim Campieren und wir sind in dauernder Sorge, dass uns etwas gestohlen wird. Meistens lassen wir das Zelt nun nicht mehr unbeaufsichtigt zurück und gehen nur noch nacheinander Duschen oder Zähneputzen. Sogar in der Nacht sichern wir unsere Velos zusätzlich zum Schloss noch mit den Bärenglocken, damit wir merken würden, wenn jemand versucht die Velos zu entwenden. Vielleicht sind wir paranoid geworden… aber irgendwie macht uns das Zelten so nicht mehr so viel Spass.

Auch das Fahrradfahren bereitet uns nicht mehr gleich viel Freude wie noch vor ein paar Wochen. Im Vergleich zum Inland ist die Küstenstrasse fast durchgehend recht stark befahren, wobei die Strassen entweder unübersichtlich und schmal sind, oder aber wir auf dem Seitenstreifen einer vierspurigen Schnellstrasse fahren müssen, wo die Autos und Lastwagen in hohem Tempo an uns vorbeidonnern. Wir fühlen uns in diesen Momenten ein bisschen so, als würden wir auf dem Pannenstreifen der A1 von Bern nach Zürich fahren. Auch der Strassenlärm unterscheidet sich definitiv nicht gross davon, denn die übermotorisierten Ami-Schlitten tönen ähnlich laut (wenn nicht noch lauter) wie ein 40 Tonnen Lastwagen in der Schweiz. Wir merken, dass wir einen richtigen Groll auf sämtliche Autos entwickeln und am Abend oft mental erschöpft und mit dröhnendem Kopf vom Velo steigen.

Trotz dieser etwas negativen Zeilen gab es an der Küste definitiv ganz viele schöne Sachen zu entdecken. Ein Highlight der letzten Wochen waren sicherlich die Redwoods, welche wir während mehreren Tagen durchfuhren. Wir waren fasziniert von den riesigen Bäumen und fühlten uns inmitten der Baumriesen ein bisschen wie in einer anderen Welt. Uns hat es so gut gefallen, so dass wir uns ein paar zusätzliche Tage Zeit nahmen, um die verschiedenen Teile des Redwood-Nationalparks zu erkunden.

Langsam aber sicher merken wir, dass auch hier der Herbst spürbar Einzug hält. Die Tage werden kürzer und die Nächte kühler. Mit unseren warmen Schlafsäcken ist die Kälte zwar kein Problem, die frühe Dunkelheit macht das Campieren aber zunehmend weniger gemütlich. Die Phase mit Tageslicht  zum Zeltaufstellen, Kochen, Essen und Abwaschen wird immer kürzer, dafür werden die Abende in Dunkelheit immer länger. Vor ein paar Wochen sind wir noch mit einbrechender Dunkelheit in unser Zelt gekrochen, haben gelesen und sind dann früh eingeschlafen. Nun mögen wir aber nicht bereits um 19 Uhr schlafen gehen, daher gibt es jetzt regelmässig für ein paar Stunden ein Campfeuer – das wärmt und gibt etwas Licht zum Draussen verweilen.

Wir machten uns in den letzten Wochen vermehrt Gedanken über unsere Reisesituation und fragten uns, wie wir die nächsten Monate unserer Reise gestalten möchten. Wir merkten, dass wir beide etwas velo-müde geworden sind und eine Auszeit brauchen, bevor wir wieder mit mehr Elan in den Sattel steigen können. Unser Velokoller und der Herbsteinzug haben uns daher zum Entschluss gebracht, dass wir nur noch bis San Francisco fahren und dort für ein paar Wochen ein Auto mieten werden, um die Nationalparks im Inland zu besuchen. Die Vorfreude auf den bevorstehenden Roadtrip gab uns neue Motivation und wir freuten uns auf den letzten Küstenabschnitt bis San Francisco. Kurz nach den Redwoods überquerten wir einen Pass und gelangten auf die wirklich wunderschöne Küstenstrasse des Highway 1. Da die Touristensaison so gut wie vorbei ist, hatten wir die malerische Küstenstrasse oftmals fast für uns alleine – ein Traum!

Doch leider war die Freude nur von kurzer Dauer und das Velofahren nahm plötzlich ein schnelleres Ende als geplant… Der Tag hatte gut begonnen, denn wir hatten auf Empfehlung von Manja und Martin (dem Schweizer-Velopaar, das wir in Alaska kennengelernt hatten) in Mendocino in einem tollen «Glamping-Resort» für zwei Nächte ein Zelt gebucht. Wir wollten dort sozusagen unseren (vorläufigen) Abschluss vom Velofahren feiern, denn nach San Francisco war nur noch ein paar Velotage entfernt. In Fort Bragg machten wir Halt im Supermarkt und deckten uns mit Zutaten für eine leckere Grillade ein. Bei der Ausfahrt aus dem Supermarkt geschah dann das Unglück: Wir fuhren los, um die zweispurige Strasse zu überqueren, als wir plötzlich hinter uns ein Auto beschleunigen hörten. Eveline sah das Auto heranpreschen, schrie auf und einen Augenblick später wurde Philipp von hinten regelrecht über den Haufen gefahren, wo er nach einem halben Salto unsanft auf der Gegenfahrbahn landete. Augenblicklich brach Hektik aus, Autos stoppten und Philipp, sein Velo und die zerstreuten Taschen wurden an den Strassenrand transportiert. Glücklicherweise war schon bald klar, dass Philipp grosses Glück gehabt und keine schweren Verletzungen erlitten hatte. Nach kurzer Zeit trafen mehrere Polizeiautos und die Ambulanz eine und es herrschte viel Betrieb. Als die Polizei nach Philipps Ausweis fragte und Eveline nach seinem Portemonnaie in der Lenkertasche greifen wollte, stellte sie fest, dass es verschwunden war. Emsiges Suchen brachte das Portemonnaie (mit sämtlichen Karten drin) auch nicht mehr zum Vorschein – irgendeine dreiste Person musste es während dem ganzen Chaos gestohlen haben!!! Der Krankenwagen brachte Philipp zum lokalen Spital, und während er auf der Notaufnahme untersucht und geröntgt wurde, begann Eveline sämtliche Kredit- und Bankkarten zu sperren. Nach ein paar Stunden kam dann zum Glück definitiv die Entwarnung, dass nichts gebrochen ist. Philipp hatte sich beim Sturz aber schwere Prellungen der Rippen und der Hüfte zugezogen – an weiter Velofahren war also nicht mehr zu denken.

Freundlicherweise anerbot sich die Polizei, uns, die Velos und das Gepäck zu unserem reservierten Camping in Mendocino zu fahren. Dem verwirrt-eingeschüchterten Gesichtsausdruck der Dame am Check-in war anzumerken, dass wir wohl die ersten Gäste waren, die mit zwei Polizeiautos angereist kamen… Obwohl es bereits sehr spät war, konnten wir sogar die geplante Grillade noch nachholen – einfach mit Stirnlampe, Schmerztabletten für Philipp und Wein nur für Eveline.  

Trotz unseren anfänglichen Bedenken zum Komfort stellte sich das fix installierte Zelt mit einem richtigen, bequemen Bette als ein perfekter Ort zur Erholung heraus. Da Schlafen auf den dünnen Mätteli in unserem Zelt für Philipp bis auf Weiteres keine Option war, verlängerten wir unseren Aufenthalt in Mendocino um weitere drei Nächte. Dies gab uns zusätzlich etwas Zeit, Ordnung in unsere suboptimale Situation zu bringen. Dank dem kompetente «Backoffice-Schneider» in der Schweiz waren aber innert kürzester Zeit sämtliche Ersatzkarten und Formalitäten organisiert. Merci viu mau!! 😊 Auch das Personal vor Ort war äusserst hilfsbereit und unternahm alles nur erdenkliche, damit wir einen möglichst angenehmen Aufenthalt auf dem Campingplatz hatten. Wir waren wirklich gerührt ab der grossen Anteilnahme an unserem «Unglück» und der Hilfsbereitschaft der Leute.  

Nach fünf Tagen «Reha» mieteten wir ein Auto um Richtung San Francisco zu fahren. Vor dem Losfahren kontaktierten wir noch kurzentschlossen die einzigen zwei Personen, die wir im Umkreis von 2000 km kennen. Patty und Keenan hatten wir knapp 3 Tage vor dem Unfall flüchtig auf einem Campingplatz kennengelernt. Nach einem kurzen Gespräch hatten sie uns ihre Visitenkarte gegeben für den Fall, dass wir irgendetwas brauchen sollten. Wir fanden nun, dieses «irgendetwas» sei jetzt eingetroffen… Wir waren unendlich dankbar, als wir nach einem Telefonat die warmherzige Einladung hatten, dass wir zu ihnen kommen können, um uns zu erholen und alles Weitere zu organisieren. Wir fuhren also nicht direkt nach San Francisco, sondern machten uns auf den Weg nach Cotati, wo wir von Patty und Keenan herzlich empfangen wurden.  

 

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