Neuer Velo-Elan in Neuseeland

January 5, 2018

Bereits ein paar Tage vor unserer Abreise nach Neuseeland begannen wir mit den Vorbereitungen für den Überflug. Diversen Reiseblogs hatten wir nämlich entnommen, dass Neuseeland extrem pingelig ist bei der Einfuhr von Outdoor-Equipment, Tourenrädern und Esswaren. Nach unserer letzten Nacht auf dem Campingplatz reinigten wir also unser Zelt und den Kocher akribisch und verpackten alle Campingsachen so sauber wie nur möglich. Auch die Velos wurden einen Tag vor der Abreise blitzblank poliert. Schliesslich wollten wir nicht riskieren, dass wir unsere Ausrüstung an der Grenze zurücklassen müssen. Wir traten wir unseren Flug nach Wellington somit zwar gut vorbereitet, aber trotzdem etwas nervös, an. Als wir nach einem langen Flug das erste Mal die Küste Neuseelands unter uns erblickten, wurde die Vorfreude auf die bevorstehenden drei Monate in diesem Land gross.

Die Einreise gestaltete sich langwierig und wir mussten unsere gesamte Outdoor-Ausrüstung zur Inspektion auspacken. Die Zollbeamten waren aber allesamt sehr freundlich und hilfsbereit, zumal sie sahen wie sauber unsere Sachen waren, und das Einreiseprozedere gestaltete sich schlussendlich viel weniger dramatisch, als wir uns das aufgrund diverser Warnungen vorgestellt hatten. Nach dem beinahe schon routinierten Velozusammenbauen radelten wir bald los in Richtung Stadtzentrum und mussten uns dabei zuerst mal ans Fahren auf der linken Strassenseite gewöhnen. Nach den ersten paar Kilometern waren wir schon wieder einigermassen im Flow und konnten unserer Umgebung erstmals etwas genauer wahrnehmen. Dabei fiel uns auf, wie grün und dicht bewachsen sämtliche Hügel sind und wie dadurch die Umgebung fast etwas tropisch wirkt. Der zweite frappante Unterschied zu den USA war die Grösse der Autos. Wir hatten in den letzten sechs Monaten beinahe vergessen, wie «klein» eigentlich Autos normalerweise sind und waren somit positiv überrascht, dass wir nicht mehr alle paar Sekunden von einem Riesen-SUV oder einem Monstertruck überholt wurden. Generell gefiel uns Neuseeland, bzw. Wellington auf Anhieb sehr gut, die Leute waren freundlich, die Strassen und Gebäude wirkten gepflegt und das Essen schmeckte um einiges abwechslungsreicher als in den USA.  

Die ersten drei Tage in Wellington verbrachten wir mit planen, einkaufen und Velos auf Vordermann bringen. Zudem wurden wir von Tobias und seiner Familie auf ein leckeres Grill-Nachtessen eingeladen und bekamen von ihnen viele hilfreiche Tipps zu Neuseeland mit auf den Weg.

Da die Südinsel von Neuseeland angeblich weniger Verkehr hat und landschaftlich abwechslungsreicher sein soll, hatten wir vor, einen Grossteil unserer Zeit dort zu verbringen. Per Fähre fuhren wir von Wellington nach Picton, wo wir Richtung Nelson losradelten. Bereits der erste Velotag bei sommerlich-heissem Wetter war ein voller Genuss. Die kleine Nebenstrasse entlang dem Queen Charlotte Sound war verkehrsarm und bot hinter fast jeder Wegbiegung spektakuläre Aussichten in hübsche Buchten.

 

Aller Fahreuphorie zum Trotz merkten wir bereits nach ein paar Tagen, dass unsere Velomuskeln im Verlauf der fast zweimonatigen Pause wahrscheinlich etwas eingeschlafen sind. Die Kilometer rollten nicht mehr so ring wie noch in den USA, zudem litten wir unter der extremen Hitze, die wir so nicht mehr gewohnt waren. Kurz nach Nelson entschieden wir daher, uns eine Pause zu gönnen und in den Abel Tasman Nationalpark zu fahren, um dort einen Kajak- und Wanderausflug zu unternehmen. Die Pause zahlte sich voll aus und nach einem lohnenswerten Ausflug konnten wir mit neuer Energie weiterradeln.

 

Die darauffolgenden Velotage legten wir entweder auf schönen Velowegen oder auf verkehrsarmen Nebenstrassen zurück. Unsere Routenwahl basierte dabei fast Ausschliesslich auf dem Buch «Classic New Zealand Cycle Trails», welches Empfehlungen für Trails abseits der grossen Strassen gibt. Durch die Umwege legen wir zwar deutlich mehr Kilometer zurück als wir das auf den grossen Strassen täten, die vorgeschlagenen Routen beinhalten aber oft phänomenale Abstecher in verlassene Täler, fernab von Verkehr und Teerstrassen. Wir kurvten durch Farmland, rollen entlang von wilden Flüssen,  passieren steile Pässe auf einem 4WD-Track und genossen dabei jede Minute. Das langersehnte Fahren auf Nebenstrassen und Schotterpisten ist hier endlich in Erfüllung gegangen und wir sind froh, dass wir unsere Tourenvelos (eigentlich ursprünglich ja für die Great Divide) mit Offroad-tauglichen Komponenten ausgestattet hatten.   

 

Der grosse Spassverderber war aber die Tatsache, dass Neuseelands Strassen äusserst hügelig sind. Dabei sind die Steigungen zwar meistens kurz, dafür aber umso steiler. An vielen Hügeln litten (und fluchten) wir lautstark und mussten zeitweise unsere Velos sogar zu zweit die Schotterpiste hochschieben. Zur Lösung dieses Problems überlegten wir uns zwei mögliche Optionen: 1. Abwarten und weiterleiden, bis wir auf ein neues Fitnesslevel kommen, oder 2. radikales Ausmisten von überflüssigem Gewicht in unseren Taschen. Zur kurzfristigen Behebung des Problems entschieden wir uns für die zweite Variante und trennten uns so in Greymouth von einem ansehnlichen Teil unserer Ausrüstung. Um einige Kilos erleichtert konnten wir nun die Hügel hochrauschen wie auf einem Flyer… Naja, immerhin fast.

Ab Greymouth folgten wir während zwei Tagen dem «West Coast Wilderness Trail», einem eigens für Velos angelegten 140 km langen Offroad-Trail entlang dem westlichen Küstengebirge. Wir starteten ohne grosse Erwartungen, waren aber ab den ersten Kilometern hell begeistert. Der erste Tag führe uns bei moderater Steigung in ein wunderschönes Tal mit tollen Ausblicken auf den Küstenregenwald. Die darauffolgende flowige Abfahrt auf einem traumhaften Trail durch den Dschungel und entlang einer Suone entlockte uns alle paar Sekunden ein Jauchzen und zauberte ein breites Lachen auf unsere Gesichter.

 

 

Der Trail endete in Hokitika, einem netten Küstendörfchen an der relativ unbewohnten und wilden Westküste. Wir waren voller neugefundener Velo-Euphorie und freuten uns auf die kommenden Kilometer in Neuseeland.  

 

  

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