Fahrt zum südlichsten Punkt unserer Reise

January 24, 2018

Ab Hokitika folgten wir für ein paar Tage dem Küstenhighway Richtung Süden. Da es an der Westküste nur diese eine Strasse gibt, war es leider unausweichlich, dass wir diese mit allen Autos, Campervans und Lastwagen teilen mussten. Im z.T. recht dichten Verkehr wurde uns bewusst, wie verwöhnt wir in den ersten paar Wochen auf den Biketrails gewesen waren. Neuseelands Strassen sind sehr schmal, kurvig und oftmals unübersichtlich, trotzdem darf hier ausserorts (also quasi überall) mit 100 km/h gerast werden. Diese Kombination machte das Radfahren auf der Strasse nicht wirklich zu einem Plausch. Obwohl man sagen muss, dass der grösste Teil der Autos rücksichtsvoll fuhr, kam es immer wieder zu unangenehmen Situationen, zumal einige Autofahrer das Konzept des Abbremsens nicht zu verstehen scheinen und an den unübersichtlichsten Stellen mit halsbrecherischem Tempo an uns vorbeirauschten – sehr unangenehm. Ausserdem war auch die Landschaft südlich von Hokitika nicht mehr so abwechslungsreich wie auch schon. Die Westküste ist zwar nur sehr spärlich besiedelt, die Landschaft ist aber (wie fast überall in Neuseeland) stark durch die Vieh- und Schafwirtschaft geprägt. Vor allem Schafe und Kühe sahen wir bis zum abwinken, aber wir passierten auf unserem Weg auch sehr viele Rehfarmen. Jetzt wissen wir immerhin, woher das Lamm- und Wildfleisch in den schweizer Supermärkten kommt…

Im Touristenort Franz-Josef verbrachten wir bei strömendem Regen Weihnachten. Der Wolkenbruch war eindrücklich und erklärte sehr gut, warum die Westküste überall so grün ist… Glücklicherweise hatten wir aber schon im Vorherein eines der letzten freien Hotelzimmer über Weihnachten ergattert und kamen so trocken durch die Festtage. Richtige Weihnachtsstimmung kam bei uns aber aufgrund des warmen Wetters und fehlender Marroni, Kerzen, Glühwein & Co. irgendwie nie auf – einzig unsere Weihnachtsdekoration am Velo erinnerte uns ab und zu an die Feiertage. Obwohl wir nach dem Regenguss doch noch einen Blick auf die Bergkulisse erhaschen konnten, verzichteten wir auf den Besuch des bekannten Franz-Josef Gletschers. Vor wenigen Jahren reichte dieser noch bis fast zum Dorf, heute muss man ihn weit hinten im Tal suchen. Der andauernde Helikopterlärm und die schier unendlichen Angebote für Gletscherrundflüge zeugt von der aktuellen Vermarktung des übriggebliebenen Gletschers. Es ist jedoch eher fraglich, wie nachhaltig diese Strategie ist…

Nach der Weihnachtspause rollten wir frisch gestärkt Richtung Haast, um anschliessend den Haast-Pass über die Südalpen in Angriff zu nehmen. Nach gemütlichem Pedalieren entlang dem Ufer eines schönen Flusses war bei der ersten Steigung aber fertig lustig. Auf 1.75 km legten wir knapp 300 Höhenmeter zurück und litten, schwitzten, fluchten und bemitleideten uns dabei sehr. Vom im letzten Blog beschriebenen Flyer-Gefühl war hier auf jeden Fall nichts mehr zu spüren. Umso grösser war dann aber die Freude auf dem «Gipfel».

Sobald wir uns nach der Überquerung des Haast-Passes auf der Ostseite der Alpen befanden, war auch die Landschaft wie ausgewechselt: Nach dem satten Grün an der Westküste dominierten hier trockenes Weideland und kahle, abgeholzte Berge das Landschaftsbild. Erstmals konnten wir eine gewisse Ähnlichkeit zur Schweizer Voralpenlandschaft feststellen, wobei hier natürlich die vielen Alphütten fehlen. Ab dem Haast-Pass war es dann nur noch ein Katzensprung bis nach Wanaka, einem netten, aber auch sehr touristischen Ort am gleichnamigen See. Mit einer leckeren Älplermakkaroni «feierten» wir auf einem Campingplatz Silvester und waren dann so müde, dass wir den Prosecco bereits um 23 Uhr trinken mussten und den Rutsch ins 2018 quasi verschliefen. Schlimm fanden wir das aber nicht, zumal am nächsten Tag eine lange Etappe über den höchsten asphaltierten Pass Neuseelands nach Queenstown auf dem Programm stand.

Kurz vor Queenstown fanden wir endlich wieder ein paar schöne Biketrails und konnten so autofrei dem See entlang in die Stadt rollen. Dies stimmte uns nach den etwas mühsamen Tagen an der Westküste wieder etwas versöhnlich. Im masslos überfüllten Queenstown verbrachten wir aber nur eine Nacht bevor wir vor dem exzessiven Bespassungs-Tourismus die Flucht ergriffen. Per Dampfschiff überquerten wir den See und wurden bei einer einsamen Schaffarm, und zugleich dem Start des «around the mountain» Trails, abgesetzt. Die folgenden zwei Tage auf dem Trail waren ein weiteres Highlight unserer bisherigen Tour durch Neuseeland: Die fast autofreie Schotterpiste durch ein Tal und anschliessend über ein Hochplateau verströmte die Atmosphäre einer «light-Versions» des Denali Highways in Alaska. Zum allererste Mal hier in Neuseeland kamen wir in den Genuss von einem bisschen "richtiger" Wildnis, d.h. keine permanenten Weidezäunen auf beiden Strassenseiten, keine Schafe und keine Campervans – eine richtige Wohltat. 😊

Nach den zwei genussvollen Velotagen erreichten wir Ta Anau, eine weitere Touristenortschaft am Eingang zum Fjordland-Nationalpark. Ganz kurz überlegten wir uns, ob wir nicht auch eine Tour zu einem der grossen Fjords «Millford Sound» oder «Douptful Sound» unternehmen wollen. Aufgrund der schieren Massen an Touristenbussen löschte uns aber schon der Gedanke daran relativ bald ab und wir liessen auch dieses Sehenswürdigkeiten links liegen. Dabei kam uns die Aussage einer Motorradfahrerin in den Sinn, welche zu unserer Radreise meinte: «Oh, wenn ihr mit dem Fahrrad unterwegs seid und keine Abstecher zu den Sehenswürdigkeiten machen könnt, dann seht ihr ja gar nichts von Neuseeland.» Naja, man kann das natürlich schon so sehen… Wir finden aber, dass wir auf unserer Route über Nebenstrassen sehr viele schöne und unbekannte Ecken des Landes entdecken können und wahrscheinlich so dem «echten» Neuseeland näher kommen als manch anderer Reisende, welcher nur sämtliche touristischen Highlights abklappert. Wir verliessen also Te Anau quasi unverrichteter Dinge und machten uns auf einer schönen, verkehrsarmen Strasse (ein toller Insidertipp einer Neuseeländerin) auf den Weg zum südlichsten Zipfel der Insel.  

In Invercargill verbrachten wir ganze drei Tage. Während wir uns entspannten, wurden unsere Velos einer wohlverdienten Revision unterzogen und mit neuen Kurbeln, Kränzen und Ketten ausgestattet. Dank den quasi neuen Velos fühlten wir am Tag der Weiterfahrt nicht einmal den extrem starken Gegenwind so richtig (oder redeten uns das zumindest so ein). Trotz der positiven Gedanken erreichten wir den angepeilten Zeltplatz in Curio Bay erst abends spät, vom Winde zerzaust und total erschöpft. Das Leiden hatte sich aber gelohnt, denn der Zeltplatz bot eine phänomenale Aussicht über die Klippen und das Meer. Hier gefiel es uns sogar so gut, dass wir spontan ein zweite Nacht blieben, zumal am nächsten Tag der Wind nicht etwa schwächer war. Ausserdem hatten wir in Curio Bay einen wichtigen Meilenstein erreicht, denn hier waren wir nun am südlichsten Punkt unserer Reise angekommen und uns trennte nur noch offener Ozean von der Antarktis. Ein perfekte Zeitpunkt also zum Innehalten, die letzten Monate Revue passieren zu lassen und uns auf die Nordwärtstour zu freuen.

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Aktuelle Einträge

February 27, 2018

September 19, 2017

Please reload

Archiv
Please reload