Nordwärtstour

February 27, 2018

Unsere Nordwärtstour begann vielversprechend. Ab Curio Bay folgten wir während ein paar Tagen dem beschaulichen und ruhigen Küstenhighway der Catlins Coast. Obwohl diese Region am südöstlichsten Zipfel Neuseelands keine wirklich herausragenden Highlights bietet, gefiel uns die abwechslungsreiche Küstenstrasse äusserst gut. Schroffe Klippen und verlassene Sandstrände wechselten sich ab mit hügeligem Hinterland und verschlafenen Fischerdörfchen. Wir genossen die ruhigen Tage und griffen auch endlich wieder etwas mehr zum Fotoapparat, was immer ein verlässlicher Indikator ist, wie gut uns eine Region gefällt.

In Balclutha endete der Catlins Coast Highway und wir mussten eine sinnvolle Route nach Lawrence finden, denn dort befand sich der Startpunkt eines mehrtägigen Biketrails ins Landesinnere. Ein Blick auf die Karte versprach zwei mögliche Reiserouten, wobei eine davon ausschliesslich auf grossen Highways verlief. So entschieden wir uns für die etwas längere Strecke, was sich für uns einmal mehr gelohnt hat. Wir radelten fast den ganzen Tag auf menschenleeren Strassen über einen beschaulichen Hügelzug und konnten schöne Ausblicke über das weitläufige Farmland geniessen. Der einzige Nachteil unserer Route war aber nicht etwa der Gegenwind, sondern der äusserst schlechte Zustand der Alphaltstrasse. Uns war nämlich schon früher oft aufgefallen, dass auf kleineren Nebenstrasse (wahrscheinlich wegen schlechter Belagsqualität) bei starker Sonneneinstrahlung der Asphalt zu schmelzen beginnt. Im Fall von unserer Strasse war dies so schlimm, dass unsere Räder regelrecht geteert wurden und das Profil mit einer kompakten Schicht Steinchen verstopft wurde. Richtig lösen konnten wir das Problem den ganzen Tag nicht, denn jedes mühsame herauskratzen der Steinchen endete nach ein paar Fahrminuten wieder im selben Resultat. So blieb uns nichts anderes übrig, als im hügeligen Terrain etwas beherzter in die Pedale zu treten, um unsere geteerten (und entsprechend sehr schweren) Pneus anzutreiben. Nach absolvierter Tagesetappe kamen wir so entsprechend erschöpft in Lawrence an und waren um eine Erkenntnis reicher: Hügel und Gegenwind mögen mühsam sein, noch mühsamer sind aber Hügel, Gegenwind und geteerte Pneus.

Ab Lawrence folgten wir während zwei Tagen dem «Clutha Gold Trail», welcher uns auf schönen Schottersträsschen durch eine geschichtsträchtige Region Neuseelands führte. Noch heute zeugen viele der historischen Dörfer und chinesischen Wohnhäuser vom grössten Goldrausch in der Geschichte des Landes, welcher Ende des 19. Jahrhunderts massgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region beitrug. Angeblich wird auch heute noch an einigen Stellen im Fluss professionell nach Gold gesucht. Wir wurden zwar selber nicht fündig, genossen aber trotzdem den Trail, welcher zu Ehren des Clutha Goldes angelegt wurde.

Auf den «Clutha Gold Trail» folgte nahtlos der «Roxburgh Gorge Trail», welcher, wie der Name sagt, durch eine imposante Schlucht bis nach Alexandra führte. Hier wartete wieder einmal ein Tag voller Genussfahren und Freudejauchzer auf uns, zumal der Trail zwar fahrtechnisch einfach angelegt, aber trotzdem landschaftlich spektakulär war. Leider ist der Trail aber nicht durchgehend befahrbar und für das Mittelstück muss man zwangsläufig ein (massiv überteuertes) Jetboot buchen. Somit war wohl auch zu erklären, warum wir auf dem ersten Abschnitt so ziemlich die einzigen Radfahrer weit und breit waren und den ganze Tag fast keine Menschenseele zu Gesicht bekamen. Uns war es aber mehr als recht und wir genossen die Ruhe und Landschaft im Roxburgh Gorge.

Unsere Nordwärtstour könnte man eigentlich gut und gerne auch in Biketrail-Tour umbenennen, denn diese hatten wir wirklich jetzt plötzlich am Laufmeter. Als nächstes nahmen wir den bekannten «Otago Central Rail Trail» in Angriff, welcher uns auf gut 150 km stillgelegtem Bahngleis durch die Hügellandschaft von Otago führte. Unsere Erwartungen an den Trail waren recht hoch, denn im Verlauf unserer Reise wollte gefühlt jeder Neuseeländer von uns wissen, ob wir den «Rail Trail» schon gefahren sind oder noch fahren werden. Der Trail scheint hier das Mass aller Dinge zu sein und dementsprechend waren wir schon seit Wochen in freudiger Erwartung. Wir radelten bei brütend heissen Temperaturen los, wurden aber bereits am ersten Tag nicht richtig warm mit dem Trail. Wir fanden einerseits die trockene Einöde-Landschaft, andererseits den Trail an und für sich äusserst langweilig. Letzteres liegt wohl in der Natur einer stillgelegten Bahnlinie, denn diese verlaufen bekanntlich flach und wann immer möglich schnurgerade, höchstens alle 10 km war eine klitzekleine Kurve zu erwarten. Die einzigen wirklichen Highlights waren die spektakulären Brücken und zwei längere Bahntunnel. Ausserdem passierten wir einige historische Stationen, bei welchen vor allem Evelines berufliche Vergangenheit zu Tage kam und Philipp Vorträge über Gleisfeldgestaltung über sich ergehen lassen musste. Im Grossen und Ganzen schaffte es der Rail Trail bei uns aber trotzdem nicht aufs Podest der bisherigen Highlights, da konnten auch zwei wunderschöne Wildcampingplätze nicht genügend punkten.

Den beinahe besten Teil der Strecke erlebten wir bei der Zugfahrt vom Endpunkt des Rail Trails nach Dunedan. Die Bahnlinie durch den Taieri Gorge wird nur noch für touristische Nostalgiefahrten aufrecht erhalten und erlaubte uns eine Reise in eine Bahn-Vergangenheit vor unserer Zeit. Am gottverlassenen Bahnhof Pukerangi warteten wir wortwörtlich «in the middle of nowhere» als einzige Reisende für rund zwei Stunden auf den Zug. Die zweistündige Fahrt (für knapp 65 km) war dann wirklich recht spektakulär, nicht nur wegen der imposanten Schlucht, sondern vor allem wegen dem uralten Zug mit offenem Trittbrett und feudalen Plüschsesseln.

Nach zwei Tagen im beschaulichen Dunedan fuhren wir auf direktem Weg nach Oamaru, einem hübschen Küstenort im viktorianischen Stil. Bis jetzt waren wir nie richtig warm geworden mit neuseeländischen Städten, doch diese zwei Orte haben uns wirklich ausgesprochen gut gefallen. Wahrscheinlich, weil beide über so etwas wie ein historisches Zentrum verfügen und nicht nur eine wirre Ansammlung charmloser Häuser sind.

In Oamaru starteten wir den letzten (und wahrscheinlich mittunter den schönsten) Biketrail unserer Reise. Wie auch der «Otage Central Rail Trail» ist der «Alps to Ocean Trail» ein wahrer Klassiker in Neuseeland. Obwohl die meisten Leute den Trail wortwörtlich von den Alpen zum Ozean fahren, nahmen wir ihn in umgekehrter Richtung in Angriff. Zwar hatten wir so einige Höhenmeter mehr zurückzulegen, die Tatsache aber, dass wir die Berge immer im Blickfeld (und nicht im Rücken) hatten, entschädigte dafür allemal. Wie alle Biketrails war auch dieser fast ausschliesslich auf Schotterstrassen und komplett getrennt von Highways angelegt worden. Wir verbrachten also rund 300 km Genuss-Velofahren in allerschönster Landschaft. Die ersten drei Tage auf dem Trail waren brütend heiss mit Temperaturen über 30 Grad. Zum ersten Mal auf der ganzen Reise waren wir sogar dankbar über den konstanten Gegenwind, denn dieser brachte auf den meist schattenlosen Strecken immerhin ein bisschen Abkühlung. Auch die vielen Seen und Flüsse waren stets eine willkommene Erfrischung und wir schwammen in so ziemlich jedem Gewässer, das wir passierten. Am vierten Tag zog dann plötzlich ein Sturmtief auf, welches wir glücklicherweise in Omarama in einer trockenen Hütte aussitzen konnten. Wir staunten aber nicht schlecht, als am nächsten Tag die Berge weiss waren und plötzlich nicht mehr T-Shirt- sondern Daunenjacken-Temperaturen herrschten. Es ist wirklich eindrücklich, wie schnell hier das Wetter ändern kann, egal in welche Richtung. Warm verpackt nahmen wir also die letzten Etappen in Angriff und erlebten unglaublich schöne Tage in den Neuseeländischen Alpen – wirklich grosses Kino.

Eines der grössten Highlights dieser schönen Tage auf dem Trail erlebten wir aber nicht beim Velofahren, sondern bei der Übernachtung am wahrscheinlich schönsten Nachtlager unserer Reise. Am Lake Pukaki fanden wir einen abgelegenen Ort direkt am See mit wunderschöner Aussicht auf den Mount Cook, wo wir unser Zelt aufstellte wollten. Nach dem ausgiebigen Pasta-Nachtessen war die Abendsitmmung und die Ruhe jedoch so perfekt, dass wir uns für ein Biwak am Strand eintschieden. Einschlafen und Aufwachen mit dieser tollen Aussicht war um einiges besser als eine normale Nacht im Zelt.

Die Strecke vom Lake Tekapo bis nach Christchurch war dann, bis auf die zwei hübschen Ortschaften Fairlie und Geraldine, ohne wirklich nennendswerte Sehenswürdigkeiten. Uns störte das aber nur mässig, denn mit flottem Rückenwind kamen wir schnell vorwärts und konnten auf der Fahrt durch ödes Landwirtschaftsland in Gedenken unseren tollen letzten Wochen nachschwelgen. 

 

 

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